|
Die
Farbe des Unbewußten
„Welche Farbe hat das Unbewußte?“ Die
Frage flatterte wie eine Fledermaus durch den Raum und blieb irgendwo
in der Dunkelheit hängen. Der Raum, ein eher
ungewöhnliches Maleratelier, war schwarz ausgemalt, und auch
die spärliche Einrichtung präsentierte sich
rußfarben. „Sie verstehen, was ich damit sagen
will.“ Aufmerksam hörte die junge Kunsthistorikerin
ihrem Gegenüber zu und machte sich Notizen. Die
Künstlermonographie, die im Entstehen war, würde sie
vielleicht so beginnen: „Fast unscheinbar wirkt er, kaum
hervortretend, ein Schatten im Schwarz, das ihn umgibt und für
ihn ein Biotop der Kreativität bedeutet. Er ist nicht mehr
ganz jung und hat schon ein bißchen angesetzt“ -
nein, das wollte sie lieber nicht schreiben - „er ist nicht
mehr ganz jung, denn er ließ seinem Oeuvre Zeit, zu reifen
wie kostbarer dunkler Wein. Doch plötzlich
trat er an die Öffentlichkeit, und sein Name schoß
wie ein Komet, ein schwarzer Komet, in die Galaxie des Malerhimmels
empor, nicht sein bürgerlicher Name freilich, der ist
längst vergessen, sondern sein schlichter
Künstlername, sein Pseudonym: René Noir. Wer
erinnert sich nicht an seine beeindruckenden Bilderzyklen
‚Raben vor schwarzem Hintergrund mit schwarzer
Übermalung’, denen Zyklen mit schwarzen Katzen
folgten?“ - Ja, das wäre kein schlechter Anfang. Nur
mußte sie natürlich darauf hinweisen, daß
sich seine Thematik zusehends vergeistigte, daß er zum
Beispiel eine seiner meistbeachteten Ausstellungen unter dem Titel
„Kryptische Kohlezeichen in lichtlosen
Basalthöhlen“ gestaltete. - Was sagte er
gerade?
„Sie grübeln immer noch, was ich mit der Farbe des
Unbewußten meine? Die Lösung ist einfach. Sieht man
das Unbewußte? Nein. Welche Farbe drückt das
Nichtsehen aus? - Richtig, das Schwarz. Meine Bilder stoßen
damit in die tiefsten Schichten der menschlichen Seele vor, in ein, wie
ich es bezeichne, nachtloses Schwarz.“ René Noir
lehnte sich zurück und blickte die blonde junge Frau an, stolz
und herausfordernd zunächst, dann immer
aufmerksamer. Farben mit Ausnahme von Schwarz, pflegte er zu
sagen, Farben verletzen die Gefühle. Ihre Farben dagegen.. wie
hieß sie doch gleich? Dr. Gerda...
irgendwas, er konnte sich nur ungenau erinnern. Ihre Farben
störten ihn nicht, ganz und gar nicht. Sollte er ihr gestehen,
wie er seine künstlerische Berufung entdeckt hatte?
Immer, wenn er Ärger mit seiner Frau hatte oder eigentlich,
wenn sie mit ihm Ärger hatte, war er in sein Zimmer
geflüchtet und hatte begonnen, mit Farben zu hantieren. Das
führte schon bald zu großer Produktivität.
Richtig schlimm aber wurde es erst, als er versuchte, die ganze Wohnung
schwarz auszumalen. Da hatte ihn seine Frau in das kleine Gartenhaus
verbannt, das ihm jetzt als Atelier diente. Konnte er das vor Gerda
ausbreiten, die gerade im Begriff war, seinen Ruhm mit einem Buch zu
untermauern?
Die junge Frau unterbrach seine Überlegungen: „Wie
gehen Sie mit dem Vorwurf epigonaler Deszendenz von Vorbildern um?
Oberflächliche Betrachter haben Ihnen ja immer wieder
vorgeworfen, es habe schon lange vor Ihrem Wirken schwarze,
unstrukturierte Bildflächen gegeben.“
„Sie sagen es: oberflächliche Betrachter.“
René Noir lehnte sich zurück. „Darauf
entgegne ich bisweilen, nur unser plattes Dasein sei strukturiert,
Kunst dagegen müsse sich darüber erheben. Und was die
Leute angeht, die einfach eine Leinwand mit Farbe beschmieren,
meinetwegen auch mit Schwarz, und dann behaupten, das sei Kunst - von
denen unterscheide ich mich durch die existentielle und zugleich
visionäre Sicht in die innersten Geheimnisse des Kosmos, die
in jedem meiner Werke - ich betone: in jedem - zu spüren ist.
Die Kohärenz mit meiner wesentlich philosophischen
Gestimmtheit und meinem daraus resultierenden literarischen Schaffen
muß ich wohl nicht erst erwähnen.“
Die junge Kunsthistorikerin nickte und notierte das Wort
„Kohärenz“. Auf schwarzem Papier, so
erinnerte sie sich, schreibe er Gedichte mit einer schwarzen Tinte, und
allein schon in dieser Äußerlichkeit
witterten unverbesserliche Zweifler den Beweis von
Epigonentum. Was aber die Gedichte selbst anging, so hatte er
einmal angedeutet, sie bestünden vorwiegend aus Satzzeichen
wie Punkten, Doppelpunkten und all den sonderbaren Gebilden, welche die
Randzonen von Schreibtastaturen bevölkern. Lesungen, zu denen
René Noir gerne eingeladen wurde, verebbten nach
einführenden Erklärungen im Schweigen. Man ahnte nur
die Kommas, die Gedankenstriche, denn nach der Aussage des Meisters
konnte keine Sprache, kein Wort adäquat die innersten
Wahrheiten ausdrücken, um die es ihm in seinen literarischen
Schöpfungen ging.
Als die junge Frau diese ersten Informationen daheim zu einem Entwurf
verarbeitet hatte und eine Woche später das Atelier neuerlich
besuchte, um das Gespräch fortzusetzen, fand sie alles
verändert. Vorgebeugt, apathisch und bleich, wie in tiefer
Depression, kauerte René Noir auf seinem Stuhl. Rings um ihn
standen und lagen halbgeleerte Farbdosen, in allen
Schattierungen von Rot und Gelb und Blau und Grün,
und bunte Flecken und Kleckse auf den Möbeln, den
Wänden und sogar an der Decke verrieten, daß der
Meister mit diesen Gefäßen um sich geworfen hatte.
Jetzt blickte er müde auf, fast lächelte er, als er
Gerda sah, dann sackte sein Kopf wieder kraftlos nach vorne. Er konnte
und durfte ihr nicht sagen, was sie in ihm angerichtet hatte.
Daß ihm bei ihrer ersten Begegnung blitzartig die Erkenntnis
aufgegangen war, es gebe Dinge, die außerhalb seiner
Philosophie standen, Gefühle und Empfindungen, die sich nicht
mit Schwarz ausdrücken ließen. Daß eine
platte lichtlose Fläche in ihrer abstrakten Glätte
nicht genügte, um das Bild einer Frau auszudrücken,
und daß er deshalb nach Linien und nach Farben zu suchen
begonnen hatte, sogar Worte für Gedichte waren ihm zugeflogen,
aber es waren Linien, Farben und Worte, die hilflos und ungelenk
blieben, weil ihn alles so neu bedrängte. Der
schöpferische Sturm, der ihn durchglühte, verwandelte
sich in einen gewaltigen Wutausbruch, und am liebsten
hätte er sein ganzes Atelier zertrümmert, bevor er in
stille Verzweiflung versank.
Die junge Kunsthistorikerin erkannte sehr bald, daß hier
nichts zu holen war. Ihre Künstlermonographie mußte
warten, bis sich einigermaßen absehen
ließ, welcher faszinierend neuen Schaffensperiode
der Meister aus den läuternden Flammen seiner Krise
zusteuerte. Leise verließ sie den Raum.
Man könnte nun mutmaßen, allein schon, um die
Düsternis der Situation ein wenig aufzuhellen, daß
ein neues Farbverständnis dazu angetan war, die Harmonie
zwischen dem Künstler und seiner Frau wesentlich zu
verbessern. Doch da das Leben René Noirs nach dem
Schwarz derzeit noch im Dunkel liegt, muß das bloße
Spekulation bleiben. Überdies wäre das auch eine ganz
andere Geschichte.
Oswald Köberl 2006
|
|
|